Das Hyborische Zeitalter

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Das vorkataklysmische Zeitalter (ca. 20.000 v. Chr.)

Über jene Epoche, die von den nemedischen Chronisten als prä-kataklysmische Ära bezeichnet wird, ist wenig bekannt. Eine Ausnahme bildet lediglich die letzte Phase und selbst die bleibt hinter einem Gespinst von Legenden verborgen. Die überlieferte Geschichte beginnt mit dem Niedergang der präkataklysmischen Zivilisation, die von den Königreichen Kamelia, Valusia, Verulia, Grondar, Thule und Commoria beherrscht wurde. Diese Völker sprachen eine ähnliche sprache, was auf einen gemeinsamen Ursprung schließen lässt. Es gab noch weitere, ähnliche zivilisierte Königreiche, die jedoch von anderen, anscheinend älteren Völkern bewohnt wurden.

 

Die Barbaren jener Zeit waren die Pikten, die weit draußen im Westmeer auf Inseln lebten, die Atlanter, die einen kleinen Kontinent zwischen den piktischen Inseln und der größten Landmasse, dem thurischen Kontinent, bevölkerten, und schließlich die Lemurier, die eine Reihe großer Inseln in der östlichen Hemispäre bewohnten.

 

Es gab riesige unerforschte Gebiete. Die zivilisierten Königreiche, für sich genommen bereits von gewaltiger Ausdehnung, nahmen dennoch nur einen vergleichweise kleinen Bereich des Planeten ein. Valusia war das westlichste Königreich auf dem thurischen Kontinent, Grondar das östlichste. Östlich von Grondar, dessen Volk weniger kultiviert war als die Bewohner der benachbarten Königreiche, erstreckte siche eine wilde, öde Wüstengegend. In den weniger trockenen Regionen der Wüste, im Dschungel und zwischen den Bergen, lebten verstreute Clans und Stämme von primitiven Wilden. Weit im Süden existierte eine geheimnisvolle Zivilisation, die zur übrigen thurischen Kultur keinerlei Verbindung hatte und deren Wurzeln anscheinend bis in die vormenschliche Zeit zurückreichten. Ganz im Osten lebten an der Küste noch ein weiteres Volk, menschlich zwar, doch geheimnisvoll und nicht thurischen Ursprungs, mit dem die Lemurier von Zeit zu Zeit Kontakt hatten. Anscheinend stammten diese Menschen von einem dunklen, namenlosen Kontinent, der irgendwo östlich der lemurischen Inseln lag.

 

Die thurische Zivilisation, deren Armeen größtenteils aus Barbarensöldnern bestanden, zerfiel. Pikten, Atlatner und Lemurier stellten die Generäle, die Staatsmänner und oft auch die Könige. Über das Gezänk der Königreiche, die Kriege zwischen Valusia und Commoria und die Eroberungszüge, nach denen die Atlanter ein Königreich auf dem Festland begründeten, gibt es mehr Legenden als akkuraste Geschichtsschreibung.

Der Aufstieg der Hyborianer (ca. 17.000 – 15.000 v. Chr.)

Dann erschütterte der Kataklysmus die Welt. Atlantis und Lemuria versanken im Meer und die piktischen Inseln stiegen empor und bildeten die Gebirgsketten eines neuen Kontinents. Einige Regionen des thruischen Kontinents verschwanden unter den Meereswellen oder sanken ab bis große Seen oder Binnenmeere entstanden. Vulkane brachen aus und schreckliche Erdbeben legten die strahlenden Städte des Reichs in Schutt und Asche. Ganze Nationen wurden ausgelöscht.

 

Den Barbaren erging es ein wenig besser als den zivilisierten Völkern. Die Einwohner der piktischen Inseln wurden vernichtet, doch eine große Kolonie dieses Volkes, die sich an Valusias Südgrenze zwischen den Bergen angesiedelt hatte, um als Pufferzone gegen fremde Invasionen zu dienen, blieben erhalten. Auch das Königreich, das die Atlanter auf dem Kontinent begründet hatten, entging der allgemeinen Vernichtung und vom sinkenden Mutterland kamen tausend ihrer Stammesgenossen mit Schiffen herbei. Viele Lemurier flohen an die Ostküste des thurischen Kontinents, der einigermaßen verschont blieb. Dort wurden sie von dem alten Volk, das bereits dort lebte, versklavt. Über Jahrtausende war ihre Geschichte eine Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung.

 

Im westlichen Teil des Kontinents ließen die veränderten Bedingungen eigenartige pflanzliche und tierische Lebensformen entstehen. Dichter Dschungel bedeckte die Ebenen, gewaltige Flüsse durchschnitten das Land auf ihrem Weg zum Meer, zerklüftete Berge erhoben sich und Seen bedeckten die Ruinen alter Städte in fruchtbaren Tälern. Aus den versinkenden Regionen strömten Heerscharen von Tieren und Wilden – Affen und Affenmenschen – in das kontinentale Königreich der Atlanter. Obwohl sie gezwungen waren, ständig ums Überleben zu kämpfen, gelang es ihnen, Spuren ihres früheren hoch entwickelten Barbarentums zu bewahren. Da es ihnen an Metallen und Erze fehlte, entwickelten sie wie ihre fernen Vorfahren großes Geschick beim Bearbeiten von Steinen und hatten dabei bereits künstlerische Qualitäten erreicht, bis sie in Kontakt mit der mächtigen piktischen Nation kamen. Auch die Pikten nutzten den Feuerstein, waren aber, was Bevölkerung und Kriegskunst anging, weiter fortgeschritten. Künstlerische Neigungen wie die Atlanter hatten sie nicht; sie waren ein gröberer, praktisch orientierter und fruchtbarer Stamm. Gemalte oder in Elfenbein geschnitzte Bilder haben sie im Gegensatz zu ihren Feinden nicht hinterlassen, dafür aber bemerkenswert wirkungsvolle Waffen aus Feuerstein in großer Zahl.

 

Diese Königreiche der Steinzeit brachen zusammen. Die Atlanter, die sich in der Unterzahl befanden, wurden auf die Stufe der Barbarei zurückgeworfen, die Entwicklung der Pikten kam zum Stillstand. Fünfhundert Jahre nach dem Kataklysmus waren die Barbarenkönigreiche verschwunden. Heute führt ein Volk von Wilden – die Pikten -, einen ewigen Krieg gegen andere wilde Stämme wie die Atlanter. Die Pikten hatten den Vorteil der größeren Zahl und sie waren geeint, während die Atlanter in nur lose zusammenhängende Stämme zerfielen. So sah es damals im Westen aus.

 

Im fernen Osten, der vom Rest der Welt abgeschnitten war, nachdem sich gewaltige Berge erhoben hatten und eine Kette riesiger Seen entstanden war, schufteten die Lemuren als Sklaven ihrer alten Herren. Der tiefe Süden ist heute noch von Geheimnissen umwittert. Vom Kataklysmus unberührt geblieben, scheint er immer noch von der vormenschlichen Ära geprägt. Zu den zivilisierten Völkern des thurischen Kontinents zählt auch ein Überbleibsel einer nicht-valusischen Nation – die Zhemri, die in den niedrigen Bergen im Südwesten leben. Hier und dort gibt es auch verstreute Clans affenartiger Wilder in der Welt, die nichts über den Aufstieg und den Fall der großen Zivilisationen wissen. Weit im Norden aber drängt langsam ein weiteres Volk in den Vordergrund.

 

Zur Zeit des Kataklysmus floh eine Gruppe von Wilden, deren Entwicklung kaum weiter fortgeschritten war als die des Neandertalers, nach Norden, um der Vernichtung zu entgehen. Sie stellten fest, dass die verschneiten Länder nur von einer Art wilder Schnee-Affen bewohnt waren – riesige zottige weiße Tiere, die anscheinend in dieser Klimazone heimisch waren. Die Wilden kämpften gegen die Ureinwohner und trieben sie über den arktischen Kreis hinaus nach Norden, wo sie, wie die Wilden dachten, untergehen würden. Die Affen aber passten sich an den schwierigen neuen Lebensraum an und gediehen.

 

Nachdem die piktisch-atlantischen Kriege die Anfänge dessen zerstört hatten, was eine neue Kultur hätte werden können, veränderte ein weiterer, kleinerer Kataklysmus das Aussehen des Kontinents und ließ ein großes Binnenmeer entstehen, wo vorher die Seenkette gewesen war. So wurde der Westen noch schärfer vom Osten getrennt. Die darauf folgenden Erdbeben, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche besiegelten das Schicksal der durch die Stammeskriege ohnehin schon dezimierten Barbaren.

 

Tausend Jahre nach dem kleinen Kataklysmus ist der Westen ein wildes Land voller Dschungel, Seen und reißender Ströme. Zwischen den mit Wald bedeckten Hügeln im Norden streifen Horden von Affenmenschen umher, die keine menschliche Sprache kennen und weder Feuer noch Werkzeug benutzen. Sie sind die Nachkommen der Atlanter, die auf die Stufe von Dschungelbewohnern zurückgefallen sind, von der sich ihre Vorfahren vor Äonen so mühevoll erhoben hatten. Im Südosten hausen verstreute Sippen degenerierter Höhlenbewohner, die nur eine äußerst primitive Sprache besitzen, auch wenn sie dem Namen nach noch Pikten sind, und die sich kaum von den wilden Tieren unterschieden, gegen die sie ums nackte Überleben kämpfen. Die Sprache ist die einzige Erinnerung an ihren früheren Entwicklungsstand. Weder die armseligen Pikten noch die affenartigen Atlanter haben irgendeinen Kontakt mit anderen Stämmen oder Völkern.

 

Weit im Osten haben sich die Lemurier, durch die brutale Versklavung ebenfalls beinahe auf die Stufe von Tieren zurückgefallen, schließlich aufgelehnt und ihre Herren vernichtet. Sie sind Wilde, die durch die Ruinen einer fremden Zivilisation schleichen. Die Überlebenden dieser Zivilisation, die der Wut ihrer Sklaven entkommen konnten, sind nach Westen geflohen. Sie fielen über das geheimnisvolle vormenschliche Königreich im Süden her und stürzten es. Sie brachten ihre eigene Kultur mit, die jedoch durch Elemente der älteren, einheimischen Kultur ergänzt wurde. Das neue Königreich heißt Stygien; einige Überreste der älteren Nation scheinen dort überlebt zu haben und werden sogar in Ehren gehalten, nachdem das Volk vernichtet wurde.

 

Hier und dort in der Welt zeigen kleine Gruppen von Wilden Zeichen einer Höherentwicklung, doch dies sind vereinzelte und nicht klassifizierte Erscheinungen. Im Norden jedoch blühen die Stämme auf. Diese Leute nennen sich Hyborier oder Hybori. Ihr Gott war Bori – ein großer Häuptling, der nach den Legenden noch vor dem König, der das Volk in den Norden führte, gelebt haben soll. Angeblich hat er in den Tagen des großen Kataklysmus, an den nur noch die verfremdeten Überlieferungen der Stämme erinnern, geherrscht.

 

Sie haben sich im ganzen Norden ausgebreitet und drängen in gemächlichen Wanderzügen nach Süden. Bisher sind sie noch nicht mit anderen Völkern in Kontakt gekommen und haben sich darauf beschränkt, sich untereinander zu bekriegen. Nach fünfzehnhundert Jahren im Norden haben sie sich zu einem großen, blonden Menschenschlag mit blauen Augen entwickelt, zu einem tatkräftigen, kriegerischen Volk, das bereits über eine ausgeprägte Kunst und eine Naturdichtung verfügt. Sie leben immer noch überwiegend von der Jagd, doch die südlicheren Stämme haben sich schon vor einigen Jahrhunderten auf die Viehzucht verlegt. Ihre Isolation von den anderen Völkern wurde bisher nur in einem einzigen Fall durchbrochen: Ein Wanderer, der in den fernen Norden vorgestoßen war, kehrte mit der Kunde zurück, die angeblich verlassenen Eiswüsten seien von einem großen Stamm affenähnlicher Menschen bewohnt. Diese Wesen seien, so schwor er, die Nachkommen der Tiere, die von den Ahnen der Hyborier aus dem freundlicheren Land vertrieben worden waren. Er beharrte darauf, dass eine große Streitmacht in die Arktis geschickt werden müsse, um diese Tiere zu vernichten, da sie sich, wie er schwor, zu echten Menschen entwickelten. Er wurde verhöhnt. Eine kleine Gruppe abenteuerlustiger junger Krieger folgte ihm in den Norden. Keiner kehrte zurück.

 

Doch die Stämme der Hyborier drängten weiter nach Süden, und als die Bevölkerung wuchs, nahm diese Bewegung an Kraft zu. Das folgende Zeitalter war eine Phase der Wanderung und Eroberung. Überall auf der Welt zogen Stämme und Stammesgruppen umher und suchten neues Land.

Die Hyborischen Königreiche (ca. 14.000 – 10.000 v. Chr.)

Man betrachte die Welt, wie sie fünfhundert Jahre später ausgesehen hat. Die Stämme der blonden Hyborier sind nach Süden und Westen gewandert und haben viele der kleinen, nicht klassifizierten Clans unterworfen und vernichtet. Sie haben das Blut der Eroberten absorbiert und die Nachkommen zeigen ein verändertes Aussehen. Dieses Mischvolk wird von den Trägern des reineren Blutes erbittert bekämpft und vertrieben, woraufhin die Verjagten sich noch stärker mit den anderen Völkern und deren Überresten vermischen.

 

Bisher sind die Eroberer noch nicht mit den älteren Völkern in Kontakt gekommen. Im Südosten versuchen die Nachkommen der Zhemri, die nach der Vermischung mit einem nicht klassifizierten Stamm frisches Blut bekommen haben, einen Schatten der früheren Größe zurückzugewinnen. Im Westen beginnen die affenartigen Atlanter den langen Aufstieg. Sie haben den Kreislauf des Daseins vollendet – sie haben schon lange ihre ehemalige Menschlichkeit vergessen, wissen nichts mehr von früherer Blüte und beginnen den Aufstieg ohne Hilfe, aber auch unbehindert von menschlichen Erinnerungen.

 

Weiter südlich sind die Pikten Wilde geblieben. Anscheinend trotzen sie den Gesetzen der Natur, da sie weder Fortschritte machen noch degenerieren. Noch weiter im Süden träumt das alte, geheimnisvolle Königreich Stygien. An den Ostgrenzen streifen wilde Nomadentrupps umher, die man die Söhne von Shem nennt.

 

In der Nachbarschaft der Pikten, im breiten Tal von Zingg, das von großen Bergen geschützt wird, hat sich eine namenlose Gruppe primitiver Menschen, die vorläufig als Verwandte der Shemiten klassifiziert wurden, niedergelassen und ein fortschrittliches Ackerbausystem entwickelt, das ihnen eine gute Lebensgrundlage bietet.

 

Es gibt einen weiteren Faktor, der die Ausbreitung der Hyborier gefördert hat. Ein Stamm jener Rasse entdeckte den Nutzen von Stein für den Hausbau und das erste hyborische Königreich entstand – das wenig kultivierte, barbarische Königreich Hyperborea, das mit einer behelfsmäßigen Befestigung aufgetürmter Findlinge – um die Angriffe anderer Stämme abzuwehren – seinen Anfang nahm. Die Angehörigen dieses Stammes gaben bald ihre Zelte aus Pferdeleder auf und zogen in ungeschickt errichtete, aber widerstandsfähige Steinbauten; auf diese Weise geschützt, gewannen sie an Stärke. Es gibt kaum dramatischere Ereignisse in der Geschichte als den Aufstieg des rücksichtslosen, brutalen Königreichs von Hyperborea, dessen Bewohner unvermittelt ihr Nomadendasein aufgaben und Bauten aus nacktem Stein errichteten, die sie mit mächtigen Wällen umgaben – ein Volk, das kaum der Steinzeit entwachsen war und durch eine Laune des Zufalls die ersten, einfachen Prinzipien der Architektur erlernte.

 

Der Aufstieg des Königreichs führte zur Vertreibung vieler Stämme, die im Krieg geschlagen wurden oder sich weigerten, an die in Burgen lebenden Verwandten Tribut zu entrichten, sodass sie sich rund um die halbe Welt auf lange Wanderschaften begeben mussten. Die weiter im norden lebenden Stämme wurden bereits von den riesigen blonden Wilden behelligt, die kaum weiter fortgeschritten waren als Affenmenschen.

 

Die Geschichte der nächsten tausend Jahre ist die Geschichte des Aufstiegs der Hyborier, deren kriegslüsterne Stämme die westliche Welt dominierten. Königreiche entstanden aus dem Nichts. Die Invasoren mit dem hellen Haar stießen auf die Pikten und trieben sie ins Ödland im Westen. Die Atlanter im Nordwesten, die sich ohne Hilfe von Affenmenschen zu primitiven Wilden erhoben, sind den Eroberern noch nicht begegnet. Weit entfernt im Osten bauen die Lemurier eine fremdartige, primitve Zivilisation auf. Im Süden haben die Hyborier das Königreich Koth gegründet. Es liegt an den Grenzen der idyllischen Landstriche, die man das Land von Shem nennt, und die einst wilden Bewohner dieser Gebend erheben sich – aufgrund der Begegnung mit den Hyboriern und des Kontaks mit den Stygiern, die schon seit Jahrhunderten diese Gegend plündern – aus dem Zustand der Barbarei. Die Macht und Zahl der blonden Wilden aus dem Norden hat so sehr zugenommen, dass die im Norden lebenden hyborischen Stämme nach Süden ausweichen müssen und die mit ihnen verwandten Stämme vor sich hertreiben. Das alte Königreich Hyperborea wird von einem dieser Stämme aus dem Norden erobert, der jedoch den alten Namen beibehält. Im Südosten Hyperboreas ist das Königreich der Zhemri entstanden, das den Namen Zamora trägt. Im Südwesten ist ein Stamm der Pikten ins fruchtbare Tal von Zingg eingefallen, hat das einheimische Bauernvolk unterworfen und ist in dessen Mitte sesshaft geworden. Dieses Mischvolk wurde später seinerseits von einem wandernden Stamm der Hybori bezwungen und aus diesen verschiedenartigen Elementen ist schließlich das Königreich Zingara hervorgegangen.

 

Fünfhundert Jahre später haben die Königreiche der Welt klare Grenzen abgesteckt. Die Königreiche der Hyborier – Aquilonien, Nemedien, Brythunien, Hyperborea, Koth, Ophir, Argos, Corinthien und eines, dass man das Grenzkönigreich nennt, beherrschen den Westen der Welt. Zamora liegt im Osten und Zingara im Südwesten dieser Königreiche. Hinsichtlich der dunklen Hautfarbe und ihrer ausgefallenen Gebräuche sind die Völker einander ähnlich, auch wenn sie nicht miteinander verwandt sind.

 

Im tiefen Süden schläft Stygien unberührt von fremden Invasoren, doch die Völker von Shem haben das stygische Joch abgeschüttelt und gegen das weniger bittere von Koth eingetauscht. Die dunklen Herren wurden ans Südufer des mächtigen Flusses Styx, der auch Nilus oder Nil genannt wird, vertrieben. Aus dem unerforschten Hinterland strömt er nach Norden, biegt beinahe im rechten Winkel ab und fließt durch das liebliche Weideland von Shem fast geradewegs nach Westen, wo er sich ins große Meer ergießt.

 

Nördlich von Aquilonien, dem westlichsten der hyborischen Königreiche, leben die Cimmerier. Es sind blutdürstige Wilde, die sich von den Eindringlingen nicht unterjochen ließen, sondern im Gegenteil nach dem Kontakt mit ihnen rasch vorgerückt sind. Sie sind die Nachkommen der Atlanter und machen jetzt schnellere Fortschritte als ihre alten Feinde, die Pikten, die in der Wildnis westlich von Aquilonien leben.

 

Noch einmal fünf Jahrhunderte weiter: Die hyborischen Völker verfügen über eine virile Zivilisation, die alle Stämme, mit denen sie in Berührung kommt, rasch assimiliert. Aquilonien ist das mächtigste Königreich, mit dessen Kraft und Pracht die anderen ständig wetteifern. Die Hyborier sind eine Mischrasse geworden, in die viele Elemente eingeflossen sind. Dem ursprünglichen Menschenschlag am nächsten sind noch die Gundermänner aus dem Gunderland, einer Nordprovinz Aquiloniens. Sie haben im Westen der Welt die Vorherrschaft errungen, auch wenn die Barbaren in der Einöde rasch an Kraft gewinnen.

 

Im Norden haben blauäugige Barbaren mit hellem Haar, die Nachkommen der blonden Wilden der Arktis, die verbliebenen hyborischen Stämme aus den schneebedeckten Ländern vertrieben. Allein das alte Königreich Hyperborea konnte ihrem Ansturm wiederstehen. Ihr Land heißt Nordheim und sie zerfallen in den rothaarigen Stamm Vanir aus Vanaheim und die blonden Aesir von Asgard.

 

Nun erscheinen die Lemurier als Hyrkanier abermals im Lauf der Geschichte. Über Jahrhunderte haben sie sich stetig nach Westen bewegt. Jetzt erreicht ein Stamm die Südküste des großen Binnenmeeres – das Vilayet-Meer – und errichtet an diesen Gestaden das Königreich von Turan. Zwischen dem Binnenmeer und der Ostgrenze der einheimischen Königreiche liegen weite Steppen und im fernen Norden und Süden sogar Wüsten. Die nicht-hyrkanischen Bewohner dieser Gebiete sind verstreut lebende Hirten. Im Norden ist ihre Herkunft ungeklärt, im Süden sind sie shemitischer Abstammung. Verschiedene Eroberungszüge haben bei ihnen eine Spur hyborischen Blutes hinterlassen. Gegen Ende dieser Phase drängen weitere hyrkanische Clans nach Westen, folgen den nördlichen Ausläufern des Binnenmeeres und treffen auf die östlichen Vorposten der Hyperboreaner.

 

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Völker dieser Ära. Die dominanten Hyborier sind nicht mehr durchweg blond und grauäugig, denn sie haben sich mit anderen Völkern vermischt. Bei den Menschen von Koth gibt es einen starken shemitischen und sogar einen stygischen Einschlag, in geringerem Maße auch in Argos, wo außerdem der Einfluss der Zingarier stärker war als jener der Shemiten. Im Osten Brythuniens haben sich die Menschen mit den dunkelhäutigen Zamoriern vermischt, bis schwarzes Haar und braune Augen zu den vorherrschenden Merkmalen in der Südprovinz Poitain wurden.

 

Das alte Königreich der Hyperboreaner hat sich stärker als die anderen abgesondert, doch auch dort gibt es viele fremde Einschläge, nachdem Frauen anderer Völker, etwa von den Hyrkaniern, Aesir und Zamoriern, verschleppt wurden. Nur in der Provinz Gunderland, deren Einwohner keine Sklaven halten, blieb das hyborische Erscheinungsbild fast unverfälscht bestehen.

 

Auch die Barbaren haben das ihre makellos bewahrt. Die Cimmerier sind groß und stark, haben dunkles Haar und blaue oder graue Augen. Das Volk von Nordheim ist ähnlich gebaut, doch die Haut ist weiß, die Augen sind blau und das Haar ist blond oder rot gefärbt. Die Pikten sehen in etwa so aus wie schon immer – klein, sehr dunkel und mit schwarzen Augen und Haaren. Die Hyrkanier sind dunkel und meist groß und schlank, auch wenn ein gedrungener Typ mit Schlitzaugen in ihren Breiten immer häufiger in Erscheinung tritt, was aus der Vermischung mit einem eigenartigen, intelligenten, aber kleinwüchsigen Eingeborenenstamm herrührt, der auf dem Zug nach Westen in den Bergen östlich des Vilayet-Meers unterworfen wurde.

 

Die Shemiten sind gewöhnlich mittelgroß, können aber gelegentlich, wenn ein stygischer Einschlag hinzukommt, zu riesenhafter Größe heranwachsen. Sie haben breite Schultern und einen kräftigen Körperbau, eine Hakennase, dunkle Augen und bläulich schimmerndes schwarzes Haar. Die Stygier sind groß und gut proportioniert, ihre Haut ist dunkel und sie haben ausdrucksvolle Gesichter – oder zumindest gilt dies für die herrschenden Kasten dieses Volks. Die unteren Schichten sind eine armselige, bunt gemischte Horde, in der sich stygische, shemitische und sogar hyborische Einflüsse vermischen. Südlich von Stygien erstrecken sich die weitläufigen dunklen Königreiche der Amazonen, der Kushiten, der Atlaianer und das vielfältige Reich von Zembabwei.

 

Zwischen Aquilonien und der piktischen Wildnis liegen die bossonischen Marken, deren Bewohner von den dortigen Ureinwohnern abstammen. Diese Ureinwohner wurden jedoch in der Frühphase der hyborischen Wanderungen von einem Stamm der Hyborier unterworfen. Dieses Mischvolk hat nie den Zivilisationsstand der ursprünglichen Hyborier erreicht und wurde von diesen bis an den Rand der zivilisierten Welt zurückgedrängt. Die Bossonier sind mittelgroß und haben eine mittelhelle Haut, die Augen sind braun oder grau und sie haben einen eher runden Schädel. Hauptsächlich ernähren sie sich vom Ackerbau; sie leben als Untertanen des aquilonischen Reichs in großen, eingefriedeten Dörfern. Ihre Marken erstrecken sich vom Grenzkönigreich im Norden bis nach Zingara im Südwesten und bilden einen Vorposten, der Aquilonien gegen die Cimmerier und die Pikten abschirmt. Sie sind verbissene, defensive Kämpfer und haben in Jahrhunderten des Krieges gegen die Barbaren im Norden und Westen fast unüberwindliche Verteidigungstaktiken entwickelt.

Howard, Robert E.: Conan – Erster Band. 3. Auflage. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2008.